Aus Pastoralliturgisches Handlexikon von Adolf Adam und Rupert Berger

 

Ostern, Osternacht, österliches Triduum, Osterkerze, Exultet

1. Name: Die lat. Sprache hat das aramäisch-griechische Wort Pascha (gesprochen Pas-cha) übernommen, das sich vom hebräischen pesach ableitet. Dieses Wort meint zunächst den Vorübergang des Strafengels an den Häusern der Israeliten in Ägypten, dann aber den gesamten Vorgang der Errettung Israels aus ägyptischer Sklaverei. Zu seinem Gedächtnis feiern die Juden am 14. Nisan (= erster Vollmond im Frühling) ihr Pesachfest. Das Pesachereignis wurde zum Typos für das christliche Pascha-Mysterium, das im Hindurchgang Christi durch Leiden und Tod zur Auferstehung den Gläubigen Quelle des Heiles geworden ist. Das Wort Pascha für Ostern läßt sich heute noch in den romanischen Sprachen, aber auch im Niederdeutschen, Holländischen, Dänischen und Norwegischen erkennen. Das deutsche Wort Ostern ist in seinem Ursprung umstritten. Sehr unwahrscheinlich ist die Meinung des Beda Venerabilis († 735), es leite sich von einer englischen Frühlingsgöttin namens Ostara (Eostre) ab. Andere führen es auf Urständ = Auferstehung oder auf Osten (Aufgang der Sonne) zurück. Nach neueren Forschungen hängt es mit einer falschen Übersetzung der lateinischen Bezeichnung „hebdomada in albis" (= Woche in weißen Kleidern) zusammen. Man habe „in albis" als Plural von alba = Morgenröte betrachtet und es mit dem ahd. eostarun übersetzt.

 

2. Ursprung und Entwicklung: Neben dem Sonntag als dem ersten und wöchentlichen Gedächtnistag des Pascha-Mysteriums (= Wochenpascha) muß es schon sehr früh auch eine Jahresfeier des Todes und der Auferstehung Christi gegeben haben. Paulus läßt in 1 Kor 5,7f keinen Zweifel daran, daß im damaligen Bewußtsein der Christen das jüdische Paschafest einen neuen Sinn bekommen hat. Seine Ausführungen lassen vermuten, daß schon die apostolischen Gemeinden es in neuer Sinnfüllung begingen. Für diese Vermutung gibt neben mehreren literarischen Zeugnissen des 2. Jhs. der Osterfeststreit in der zweiten Hälfte des 2. Jhs. eine Bestätigung. Während hauptsächlich die Christen Kleinasiens und Syriens das jährliche Gedächtnis des Pascha-Mysteriums immer am 14. Nisan begingen, weshalb man sie auch „Quartodezimaner" nannte, feierten Rom und die meisten anderen Teilkirchen Ostern am Sonntag nach dem 14. Nisan. Beide Parteien berufen sich auf apostolische Überlieferung, die ersten auf Johannes, die anderen auf Petrus. Hieraus darf man schließen, daß ein christliches Osterfest zwar erst im 2. Jh. ausdrücklich genannt wird, jedoch schon im ersten Jh. gefeiert wurde. Nach dem Kirchenhistoriker Eusebius begingen beide Parteien an ihrem Festtag eine liturgische Feier mit eucharistischem Mahl, dem ein Fasten vorausging. Beide feierten das Pascha-Mysterium im umfassenden Sinn, wobei die „Quartodezimaner" den Akzent mehr auf den Erlösungstod Christi legten, während Rom und die übrigen Kirchen stärker die Auferstehung und Erhöhung Christi betonten. Der Streit wurde durch das Erste Allgemeine Konzil von Nizzäa 325 beendet mit der Vorschrift, Ostern jeweils am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond zu begehen. Fällt dieser auf einen Sonntag, so ist erst der Sonntag danach Ostern.  

 

Während die ersten Jahrhunderte Ostern in seiner gesamten Sinnfülle an einem Tag begingen, also Tod und Auferstehung und Erhöhung des Herrn, wurde diese Gesamtthematik seit dem 4. Jh. auf Grund einer mehr historisierenden Sicht und nachahmenden Darstellungsform aufgefächert und seine Teilaspekte herausgestellt. Ursprünglich war die Osternachtfeier als „Mutter aller heiligen Vigilien" (Augustinus) bis Mitternacht von Fasten und Trauer über den Tod Jesu geprägt, als heilige Nachtwache aber auch von der Erwartung des zu seiner Gemeinde wiederkommenden Herrn (vgl. Lk 12,35-38; Mt 25,1-13); nach Mitternacht aber war mit dem Beginn der Eucharistiefeier der Freude über die Auferstehung und Erhöhung des Herrn Raum gegeben. Diese Gesamtfeier wurde im 4. Jh. abgelöst durch das „heiligste Triduum des gekreuzigten, begrabenen und auferweckten Herrn" (Augustinus). Seitdem müssen wir in den liturgischen Feiern dieser drei Tage die eigentliche Jahrfeier des Pascha-Mysteriums sehen, „Höhepunkt des ganzen Kirchenjahres". Sie „beginnen mit der Abendmahlsmesse des Gründonnerstags; sie haben ihren Mittelpunkt in der Osternacht und schließen mit der Vesper am Ostersonntag" .

Die Feier dieses Triduums war im Lauf des Mittelalters sehr reformbedürftig geworden. Das trifft besonders für die Feier der Osternacht zu, die immer mehr vorverlegt und seit dem 14. Jh. am frühen Karsamstagmorgen gehalten wurde. Im Meßbuch von 1570 wurde diese Regelung sogar zur Pflicht gemacht und blieb fast 400 Jahre in Geltung. So kam es zu jenem gottesdienstlichen „Widerfahrnis", daß die Osterkerze zu einer Stunde entzündet und unter dem dreimaligen „Lumen Christi" in den Altarraum getragen wurde, als schon das Sonnenlicht das Gotteshaus erhellte; daß das Oster-Halleluja feierlich erklang und die Osterbotschaft in Wortgottesdienst und Eucharistiefeier verkündet wurde, anschließend aber die Fastenzeit noch bis zum Mittag fortgesetzt werden mußte. Um so verdienstvoller und erfreulicher waren das Dekret der Ritenkongregation vom 9. 2. 1951 unter Pius XII., das die Osternachtfeier wiederherstellte (zunächst nur „ad experimentum" für ein Jahr), und die Neuordnung der gesamten Karwoche durch Generaldekret vom 16. 11. 1955. Unter Auswertung mehrjähriger Erfahrungen konnte das Missale Romanum (MR) von 1970 die Feier der Osternacht weiter verbessern und ihr im österlichen Triduum die gebührende Mittelpunktstellung geben: „In ihr erwartet die Kirche nächtlich wachehaltend die Auferstehung des Herrn und feiert sie in heiligen Zeichen. Daher soll die ganze Vigil als nächtliche Feier gehalten werden, d. h. erst nach Anbruch der Dunkelheit beginnen und vor dem Morgengrauen des Sonntags enden" .

3. Gehalt und Gestalt der Osternachtfeier: Wie schon der geschichtliche Überblick deutlich machte, ist die Osternacht zunächst „vigilia", d. h. Nachtwache der Gemeinde Christi. Sie fastet und betet in Trauer um den von ihr weggenommenen Herrn, bis er als Sieger wiederkehrt und die wachende Gemeinde im eucharistischen Mahl um sich versammelt und sich ihr verbindet. Dies ist die Grundstruktur der Osternacht, ihr Baugesetz, nach dem die liturgische Fülle dieser Nacht gestaltet wurde. In dieser Nachtwache entzündet die Gemeinde die Lichter der „Wachtfeuer" (= Lichtfeier), in deren Schein sie die Heilstaten Gottes vernimmt, sie in den Responsorien meditiert und in den sich jeweils anschließenden Gebeten innerlich zu eigen macht (= Wortgottesdienst). Um auch den Taufbewerbern die Möglichkeit zu geben, an der zentralen Eucharistiefeier des Kirchenjahres teilzuhaben, kam es schon früh (3./4. Jh.) zur Taufspendung in der Osternacht. Dies lag um so näher, als ja schon Paulus den inneren Zusammenhang des Pascha-Mysteriums mit dem Taufgeschehen betonte (Röm 6,3-11). So ist die Tauffeier ein weiterer Teil der Osternachtliturgie geworden, wobei die Gemeinde Verantwortung für ihre neuen Mitglieder übernimmt und sich gleichfalls zum Taufversprechen bekennt (Tauffeier). Nun kann die festliche Eucharistiefeier beginnen, bei der der auferstandene und erhöhte Herr sich mit den Seinen verbindet und ihnen an seinem Pascha-Mysterium Anteil gibt. An dieser Grundstruktur können und müssen sich alle im Lauf der Geschichte hinzugewachsenen oder vielleicht noch hinzuwachsenden Elemente immer wieder auf ihre Angemessenheit prüfen lassen und entsprechend akzentuiert werden. - Im folgenden soll die Gestalt der erneuerten Osternachtfeier nach dem Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes (MD) von 1975 kurz beschrieben werden.

a) Lichtfeier. Der Priester mit Assistenz in weißen Gewändern segnet ein Holzfeuer vor der Kirche, das möglichst aus einem Stein geschlagen wurde. Er schmückt und entzündet die Osterkerze, die vom Diakon an der Spitze einer Prozession unter dreimaligem „Lumen Christi" zum Altarraum getragen wird. An ihrem Licht entzünden auch die Mitfeiernden ihre Kerzen, die sie während des anschließenden Osterlobes (Exsultet) in Händen halten. Weil dieses Exsultet ein Höhepunkt österlicher Verkündigung ist und der Osterfreude bereits am Anfang der Nachtwache jubelnden Ausdruck verleiht, hat man nicht zu Unrecht mit Blick auf die Grundstruktur der Osternachtfeier gefragt, ob es nicht passender erst nach dem Wortgottesdienst vor der Tauffeier eingeordnet werden sollte.

b) Wortgottesdienst. Für die Verkündigung der wichtigsten Heilstaten Gottes sind sieben atl. und zwei ntl. (Epistel und Evangelium) Perikopen vorgesehen. Die Zahl der atl. Lesungen kann aus pastoralen Gründen vermindert werden, doch darf die Lesung vom Durchzug durch das Rote Meer (Ex 14,15 -15,1) wegen ihres Vorbildcharakters für das Pascha-Mysterium nicht ausgelassen werden. Jeder Lesung folgt ein entsprechender Antwortgesang und eine Oration. Nach dem Gebet der siebten Lesung stimmt der Priester das Gloria an und singt die Festoration. Ihr folgen die Epistel (Röm 6,3-11), das Halleluja mit Versen aus Ps 118, das Evangelium nach einem der drei Synoptiker (entsprechend den Lesejahren) und die Homilie.

c) Tauffeier. Die Liturgen begeben sich zum Taufbrunnen, sofern dieser im Blickfeld der Gemeinde steht. Andernfalls wird ein Gefäß mit Wasser im Altarraum aufgestellt. Eine isolierte „Taufwasserweihe" ohne Taufe ist weniger sinnvoll. Nach der gekürzten Allerheiligenlitanei singt der Priester den Lobpreis über das Wasser, wobei er einmal oder dreimal die Osterkerze einsenkt. Nach der Absage an Satan und dem Taufbekenntnis folgen Taufe und (bei Erwachsenen bzw. Schülern) Firmung. Wird keine Taufe gespendet und auch kein Taufwasser geweiht, erfolgt lediglich eine Segnung des Wassers (Weihwasser, Osterwasser). Die Gemeinde erneuert, mit brennenden Kerzen in den Händen, das Taufversprechen und wird mit dem gesegneten Wasser besprengt.

d) Eucharistiefeier. In der festlichen Eucharistiefeier, dem eigentlichen Höhepunkt des Österlichen Triduums, bringen nach Möglichkeit neugetaufte Erwachsene Brot und Wein zum Altar. Die Osternachtpräfation wird zum dankenden Lobpreis des geopferten Osterlammes Jesus Christus. In den Hochgebeten I - III sind österliche Texte mit besonderer Fürbitte für die Neugetauften eingeschoben. In der Einleitung zum Friedensritus wird jenes Friedensgrußes gedacht, den der Auferstandene seinen Jüngern entbot. Der feierliche Schlußsegen und der durch ein doppeltes Halleluja bereicherte Entlassungsruf schließen die Osternachtliturgie ab.

4. Der Ostersonntag: Die Tagesstunden des folgenden Sonntags hatten ursprünglich keine eigene Meßfeier (dominica vacans), weil sich die nächtliche Eucharistiefeier bis in den frühen Morgen hinzog. Als die Vigilmesse gegen Ende des 6. Jhs. schon vor Mitternacht zu Ende ging, bekam der „Ostersonntag" ein eigenes Meßformular. Die Volksfrömmigkeit schuf sich übrigens für die verlorengegangene Osternachtfeier einen Ersatz in der „Auferstehungsfeier", die mit volkstümlichen Elementen ausgestattet war und am frühen Ostersonntag (vor der „Frühmesse") stattfand. Mit der Wiedereinführung der Osternachtfeier müssen wir in der dabei gefeierten Eucharistie die eigentliche Festmesse sehen, auch wenn sie vor Mitternacht gefeiert wird. Das neue Meßbuch betont dies ausdrücklich in den Vorbemerkungen und fügt hinzu: „Wer an der Messe in der Nacht teilnimmt, kann in einer zweiten Ostermesse nochmals kommunizieren." Weil, wie die Erfahrung zeigt, viele Gläubige (noch nicht) an der Osternachtfeier teilnehmen, wohl aber das „Hochamt" des Ostersonntags besuchen, bietet sich hier in der Predigt die Gelegenheit, die zentrale Bedeutung der Ostervigil zu würdigen. Falsch wäre es jedoch, einzelne ihrer Elemente in dieser zweiten Ostermesse zu wiederholen, weil sich dies leicht zum Schaden der wiedergewonnenen Osternacht auswirken könnte. Die Ostervesper bildet den sinnvollen Abschluß des Österlichen Triduums.

Lit.: O. Casel, Art und Sinn der ältesten christlichen Osterfeier, in: JLW 14 (1938) 1-78; B.Fischer-J. Wagner (Hrsg.); Paschatis Sollemnia (Basel u. a. 1959); Th.Bogler (Hrsg.), Österliches Heilsmysterium (LuM 36) (Maria Laach 1965); H J. Auf der Maur, Die Osterhomilien des Asterios Sophistes (Trier 1967); Th. Bogler (Hrsg.), Ostern - Fest der Auferstehung heute (LuM 42) (Maria Laach 1968); R. Berger, Eine Nacht des Wachens, in: HD 24 (1970) 3-10; ders., Die Tauffeier in der Osternacht, in: LJ 21 (1971) 53-58; B. Kleinheyer, Die neue Osterfeier (Freiburg 1971); R. Berger - H. Hollerweger (Hrsg.), Dies ist die Nacht (Regensburg 1979).

 

Exsultet

Exsultet   vom Anfangswort ( = frohlocke) genommene Bezeichnung für das feierliche Osterlob (praeconium paschale), das vom Diakon zu Beginn der   Osternacht-Feier gesungen wird, während die Gläubigen stehend ihre an der   Osterkerze entzündeten Kerzen in Händen tragen. Dieser hymnische Lobpreis eines noch unbekannten Verfassers ist gespeist vom Gedankengut eines Ambrosius und Augustinus, greift aber zum Teil auf noch ältere Texte zurück. Hierzu gehört vor allem der „älteste bekannte Lobpreis auf die christliche Osternacht" (H. J. Auf der Maur) aus der ersten Hälfte des 4. Jhs., der uns in den Osterhomilien des Asterios Sophistes begegnet und selbst wieder abhängig ist von der jüdischen Pesach-Theologie und -Liturgie. Auch das altchristliche, an jedem Abend stattfindende Ritual der Anzündung und Begrüßung des Lichtes (Lucernar), das sein Vorbild in jüdischer und antiker Kultur hat, dürfte diesen Lobpreis beeinflußt haben. Seine heutige Fassung ist wahrscheinlich anfangs des 7. Jhs. entstanden und gilt als ein Meisterwerk antiker Kunstprosa, das die reichen Mittel der Rhetorik (u. a. Cursus) zur Verkündigung des Pascha-Mysteriums einsetzt. Es kann auch in einer gestrafften Form vorgetragen und, wenn es die Bischofskonferenzen für gut halten, von Akklamationen der Gemeinde begleitet werden.

Es beginnt mit dem Aufruf zur Freude und der Bitte um Gebet für den Sänger, um dann in die Form einer Präfation überzugehen, die in hymnischer Begeisterung die Erlösungstat Christi feiert und die Nacht der Auferstehung in ergreifender Weise besingt. Dabei geht der Blick zur Heilstat Gottes am Volk Israel zurück, dem Vorausbild des Pascha-Mysteriums. Dieses umkreist der Sänger in staunender Bewunderung: „O unfaßbare Liebe des Vaters ... O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam ... O glückliche Schuld ... O wahrhaft selige Nacht..." Schließlich wendet sich der Hymnus der Osterkerze in ihrer Funktion als Spenderin des natürlichen Lichtes zu und blickt aus nach dem wahren Morgenstern, der keinen Untergang kennt (Offb 22,16; 2 Petr 1,19).

Weil dieses Exsultet ein Höhepunkt österlicher Verkündigung ist, hat man nicht zu Unrecht gefragt, ob es nicht passender erst nach dem Wortgottesdienst vor der Tauffeier einzuordnen wäre.

Die heutige Melodie mit subsemitonalem Tenor ist jüngeren Datums; manche Ordenstraditionen bieten Varianten. Geschrieben wurde das Exsultet bis ins hohe Mittelalter auf einer Exsultetrolle, die während des Singens langsam über die Ambobrüstung hinabglitt. Die Illustrationen darauf waren kopfständig angebracht, so daß nicht der singende Diakon, sondern das lauschende Volk sie betrachten konnte.

Lit.: Osterkerze; außerdem: Bon. Fischer, Ambrosius der Verfasser des österlichen Exultet?, in: ALW 2 (1952) 61-74; K. Gamber, Älteste Eucharistiegebete der lateinischen Osterliturgie, in Paschatis Sollemnia 159 – 178.

 

Osterkerze

 

Osterkerze  eine besonders große und geschmückte Kerze, die im römischen und mailändischen Ritus zum Beginn der Osternacht entzündet wird. Sie hat ihre frühesten Wurzeln einerseits in der weitverbreiteten Sitte der alten Kirche, die Osternacht durch zahlreiche Lichter zu erhellen, andererseits in dem stadtrömischen Brauch, mit zwei mannshohen Kerzen dem Gotteshaus während der Ostervigil das notwendige Licht zu spenden. In der gallischen Liturgie beschränkte man sich auf eine einzige große Kerze, die durch das Exsultet des Diakons eine feierliche Weihe erfuhr. Die allegorische Gestaltungsfreude gallischer und fränkischer Theologen stattete sie mit weiteren symbolträchtigen Elementen aus, die auch in der erneuerten Osternachtliturgie in die Lichtfeier eingebaut werden können (fakultativ):

Der Zelebrant ritzt mit einem Instrument ein Kreuz in die Osterkerze und spricht dabei: „Christus, gestern und heute, Anfang und Ende". Darüber zeichnet er den ersten und darunter den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets und spricht: „Alpha und Omega". Mit den Worten „Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen" schreibt er die einzelnen Ziffern der jeweiligen Jahreszahl zwischen die Kreuzesarme. In deren Endpunkte und in ihren Schnittpunkt werden fünf Weihrauchkörner eingefügt und mit roten Wachsnägeln verschlossen. Dabei spricht der Priester: „Durch seine heiligen Wunden (1), die leuchten in Herrlichkeit (2), behüte uns (3) und bewahre uns (4) Christus, der Herr. Amen (5)". Dieser Ritus der Weihrauchkörner ist übrigens durch ein Mißverständnis des lateinischen Wortes „incensus" (= Kerze) aufgekommen, indem man es als Weihrauch deutete. Nun entzündet der Priester die Osterkerze an dem gesegneten Feuer und spricht: „Christus ist glorreich auferstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen." Der Diakon (bzw. Priester) hebt die geschmückte Kerze empor und singt: „Lumen Christi = Licht Christi". Alle antworten: „Deo gratias". An der Spitze einer Prozession trägt nun der Diakon die Osterkerze zum Altarraum. Am Eingang der Kirche wird das zweite „Lumen Christi" gesungen, und die Gläubigen entzünden ihre Kerzen am Licht der Osterkerze. Nach einem dritten „Lumen Christi" vor dem Altarraum wird sie auf einen Leuchter gestellt, während alle Lichter der Kirche entzündet werden.

Die Prozession hinter der Osterkerze enthält eine doppelte Symbolik: einmal erinnert sie an die Feuersäule, in der Jahwe dem aus der Knechtschaft ziehenden Israel in der Nacht voranzog und den Weg in die Freiheit wies, zum andern läßt sie wie von selbst an das Wort Christi bei Joh 8,12 denken: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Der Diakon inzensiert nun die Osterkerze und stimmt das „Exsultet an. In dessen Schlußteil wird die Osterkerze besungen als „festliche Gabe" der Kirche, als „lieblich duftendes Opfer", „um in der Nacht das Dunkel zu vertreiben", „bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht". So verbindet sich ihre natürliche Funktion als Lichtspenderin mit der Transparenz für den auferstandenen und wiederkommenden Herrn. Im Verlauf der Taufwasserweihe (Osternacht) senkt der Priester die Osterkerze ein- oder dreimal ins Wasser, indem er singt: „Durch deinen geliebten Sohn steige herab in dieses Wasser die Kraft des Heiligen Geistes." In neuerer Zeit bildet sich immer mehr der Brauch aus, das Osterlicht in Laternen nach Hause und auf die Gräber zu tragen als sieghaftes Zeichen unseres Glaubens und unserer Hoffnung über den Tod hinaus.

Während der 50tägigen Osterzeit steht die Osterkerze im Altarraum und brennt während der Gottesdienste (auch an Werktagen). Die frühere Regelung, sie nach dem Evangelium von Christi Himmelfahrt zu löschen und den Blicken der Gläubigen zu entziehen, wurde als weniger glücklich fallengelassen. Nach Ablauf der Osterzeit erhält sie einen würdigen Platz in der Taufkapelle bzw. am Taufbrunnen. An ihr sollen bei der Taufe die Kerzen der Neugetauften entzündet werden. Auch bei Begräbnissmessen soll sie an einem hervorragenden Platz stehen, gegebenenfalls neben dem Sarg.

Lit.: O. Casel, Der österliche Lichtgesang der Kirche, in: Lit. Ztschr. 4 (1931/32) 179-191; R J. Dölger, Lumen Christi, in: AC 5 (1936) 1-43.